Wenn am ersten Oktober-Wochenende die Boßelkugeln wieder über die Straßen rollen, beginnt nicht einfach nur eine neue Punktspielsaison. Für den Friesensport startet zugleich ein Stück Zukunft. Regeländerungen, deren Ursprung in den FKV-Workshops in Neuharlingersiel liegt, erreichen nun den sportlichen Alltag der Vereine. Vor allem beim Einsatz von Jugendlichen, älteren Werfern und Frauen erhalten die Klubs deutlich mehr Möglichkeiten, ihre Mannschaften zusammenzustellen.
Neuharlingersiel wirkt bis heute nach
Vor über zwei Jahren kamen Friesensportler aus dem oldenburgischen und ostfriesischen Verbandsgebiet in Neuharlingersiel zusammen. In Workshops wurde intensiv darüber diskutiert, wie sich der traditionsreiche Boßelsport weiterentwickeln muss, um auch künftig attraktiv und organisatorisch handlungsfähig zu bleiben.
Dabei ging es nicht darum, bewährte Traditionen über Bord zu werfen. Vielmehr stand die Frage im Mittelpunkt, an welchen Stellen über Jahrzehnte gewachsene Strukturen an die heutige Realität in den Vereinen angepasst werden können. Die ersten Anträge, die aus den Ergebnissen dieser Workshops hervorgingen, wurden inzwischen auf der FKVJahreshauptversammlung verabschiedet und in das Regelwerk, das „Blaue Buch“, aufgenommen. Mit Beginn der neuen Saison werden die Auswirkungen nun auf der Straße sichtbar.
Die Kugel richtet sich nach dem Werfer
Eine der bedeutendsten Neuerungen betrifft die Wurfgeräte. Wer in einer Mannschaft einer anderen Altersklasse eingesetzt wird, darf künftig mit dem für seine eigene Altersklasse vorgesehenen Wurfgerät antreten.
Ein Beispiel: Hilft ein B-Jugendlicher in einer Männer-I-Mannschaft aus, muss er mit der Holzkugel nicht auf den größeren Durchmesser der Männer I wechseln. Er darf die kleinere 11-Zentimeter-Holzkugel seiner Altersklasse benutzen, statt mit der 12-Zentimeter-Kugel der Männer I anzutreten.
Das gleiche Prinzip gilt für ältere Sportler. Wird ein Männer-IV-Werfer in der Männer I, Männer II oder Männer III seines Vereins eingesetzt, darf auch er mit der 11er-Holzkugel starten. Damit wird der klassenübergreifende Einsatz deutlich erleichtert. Gerade für Jugendliche bedeutet der Wechsel auf ein größeres Wurfgerät schließlich nicht nur eine andere Zahl auf dem Papier. Durchmesser, Gewicht und Griffgefühl beeinflussen die gesamte Wurfbewegung.
Frauen dürfen Männerteams verstärken
Noch grundsätzlicher ist eine weitere Änderung: Künftig ist auch der Einsatz von Frauen in Männermannschaften möglich. Damit schafft der Verband zusätzliche Flexibilität bei der Mannschaftsaufstellung.
Hinter der Änderung steht vor allem die Situation vieler Vereine. Nicht überall stehen noch genügend aktive Werferinnen und Werfer zur Verfügung, um in allen gewünschten Alters- und Leistungsklassen komplette Mannschaften zu melden. Durch die neuen Möglichkeiten soll verhindert werden, dass Teams allein wegen einzelner personeller Engpässe nicht mehr am Punktspielbetrieb teilnehmen können.
Mitgliederschwund macht auch vor dem Boßeln nicht halt
Denn auch der Friesensport ist von gesellschaftlichen Veränderungen nicht verschont geblieben. Der schleichende Mitgliederschwund der vergangenen Jahre ist in vielen Vereinen spürbar. Ausbildung und Studium führen junge Menschen aus den Dörfern, berufliche und familiäre Verpflichtungen verändern den Sonntag – und der demografische Wandel trifft einen Mannschaftssport besonders, der traditionell von großen Kadern und zahlreichen Altersklassen lebt.
Die neuen Regeln sollen dieses Problem nicht allein lösen. Sie geben den Vereinen aber zusätzliche Möglichkeiten. Jugendliche können bei den Erwachsenen aushelfen, ohne ihr gewohntes Wurfgerät wechseln zu müssen. Ältere Werfer können jüngere Mannschaften unterstützen und ihre altersgerechte Kugel benutzen. Und wenn es personell notwendig wird, können auch Frauen in Männerteams eingesetzt werden.
Mehr Flexibilität für die Vereine
Damit wird zum Saisonauftakt erstmals auf breiter Ebene sichtbar, was vor mehr als zwei Jahren in Neuharlingersiel diskutiert wurde. Aus Ideen wurden Anträge, aus Anträgen Beschlüsse – und aus den Beschlüssen schließlich neue Regeln im Blauen Buch.
Der FKV versucht damit einen Spagat: Die Eigenheiten und Traditionen des Friesensports sollen erhalten bleiben, gleichzeitig müssen die Strukturen beweglich genug sein, damit Vereine auch unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Mannschaften auf die Straße bringen können.
Wenn am ersten Oktober-Wochenende in Ostfriesland und Oldenburg die neue Punktspielsaison beginnt, werden deshalb nicht nur wieder Schoet und Meter gezählt. Für einige der in Neuharlingersiel entwickelten Ideen beginnt dann der Praxistest.
Die neue Saison wird zeigen, wie stark die Vereine die zusätzlichen Möglichkeiten nutzen – und ob die neuen Regeln dazu beitragen können, möglichst viele Mannschaften und Aktive im Wettkampfbetrieb zu halten.
Von Holger Wilken
