
„Der Kosmos des Muppets-Erfinders Jim Henson hat einen großen Sog auf mich ausgeübt. Eigentlich gibt es doch keine Monster, aber im Fernsehen waren sie trotzdem lebendig“, erinnert sich Eike Schmidt. Groß geworden ist er in der Gemeinde Uplengen. Und „etwas auf die Bühne zu bringen, war schon immer eine große Freude“ - sei es bei Krippenspielen oder in der Theater-AG des Gymnasiums in Wiesmoor.
„Das Kulturangebot in Ostfriesland ist ja nicht so, dass man jeden Abend ins Theater gehen kann“, stellt der 33-Jährige fest. Aber Auftritte der Plattdeutschen Bühnen und Gastspiele besucht er bei jeder Gelegenheit. Da liegt es nahe Schauspiel zu studieren. „Das hat für mich als Schüler bedeutet an ein Staatstheater zu gehen, richtige Schauspielkunst, wo ich am Ende nackt auf die Bühne muss oder mit Fingerfarben angemalt - das wollte ich nicht“, erzählt Eike Schmidt, dem heute natürlich klar ist, dass sich Schauspiel nicht darauf beschränkt.
Unendliche Möglichkeiten in Welt der Puppen
In der Jugendarbeit erfährt er, dass in Berlin und Stuttgart der Studiengang Figurentheater angeboten wird. Das ist es! Die Puppen können auf der Bühne ausleben, was er selbst nicht machen möchte. Außerdem können sie alles, was Menschen nicht können, von fliegen bis sterben auf der Bühne - unendliche Möglichkeiten, die ihn schon als Kind begeistert haben.
Nach einem Praktikum bei einem Puppenspieler bewirbt sich Eike Schmidt in Berlin, wo er es bis in die letzte Runde schafft, und Stuttgart, wo er einen Studienplatz erhält. Vormittags standen unter anderem Chor-, Animations- oder Tanzunterricht an. In der ersten Stunde forderte die Tanzdozentin die Studierenden auf, eine Viertelstunde den Raum zu spüren. „Hm, was spüre ich denn so als 19-Jähriger aus Ostfriesland ...?“, hat sich Eike Schmidt gefragt. „Ich war wohl der Mainstreamingste im Studium, der Einzige, der sonntags auf dem Fußballplatz war und so.“
An Projekten mit Puppenspielern und Fernsehleuten arbeiteten die Studierenden nachmittags. Dabei entstehen Kontakte, die Eike Schmidt nach Abschluss des Studiums 2015 nutzt. Er fragt nach Jobs und bekommt Aufträge. Jetzt erweckt er selbst die Puppen zum Leben, etwa in der Sesamstraße oder bei Hallo Spencer.
Magisches Spiel
Dabei sieht der Puppenspieler auf einem kleinen Bildschirm, was die Figur, die er bewegt, gerade macht. „Das ist immer wieder magisch: Einerseits habe ich das Bild wie in der Kindheit, andererseits habe ich Einfluss auf das Geschehen. Das versuche ich immer möglichst lange auszukosten - auch wenn gar keine Kamera läuft.“
„Noch mal eins größer“ war es für Eike Schmidt mit Elvis und Karl-Otto richtige Charaktere in Hallo Spencer zu spielen - sonst sind es meist eher Nebenfiguren: „Die Figur aus meiner Kindheitserinnerung selbst auf der Hand zu haben und sie komplett selbst zu verkörpern, war schon ganz besonders.“
Neben dem Fernsehen arbeitete Eike Schmidt nach dem Studium bei zwei Eventagenturen, trat in Chile, Saudi-Arabien, China, Südkorea, den USA und so weiter auf - „eine tolle Zeit“. Dann kam Corona. Kein Kulturbetrieb mehr.
Theater der Bilder in Aurich
Doch Eike Schmidt verzweifelt nicht, sondern absolviert eine Tischlerlehre und überdenkt sein Leben: „Will ich wirklich für immer den neuen Hyundai irgendwo in China präsentieren?“ Seine Frau und die engsten Freunde kommen aus Ostfriesland.
Sie merken, wie gut sie sich gerade in der Corona-Zeit als Freunde tun - und wollen einen Ort der Begegnung und des Austauschs schaffen. Die Idee eines Theaters der Bilder entsteht, eines Theaters, in das jeder seine eigenen Erlebnisse mitbringt, in dem sich alle nach der Vorführung austauschen können.
Ein Nebengebäude des Lazaretts in Aurich ist der passende Ort, die Eigentümer ziehen mit. Im Theater Laboratorium in Oldenburg können sie erste Stücke entwickeln. Viele Ehrenamtliche packen mit an. So öffnet das Theater Lazarett im November 2023 seine Türen für Gäste - und sie kommen. Die meisten Vorstellungen sind ausverkauft, alle Anfragen für Schulvorstellungen können gar nicht bedient werden.
„Die letzten vier Jahre habe ich ziemlich durchgearbeitet, mit wenig Urlaub, aber es macht viel Spaß“, sagt Eike Schmidt. „Ich bin mega-dankbar, dass ich seit zehn Jahren als freischaffender Figurenspieler leben kann. Das ist ein Riesengeschenk.“ Heidi Scharvogel
Reith schneiden, um über den Winter zu kommen
Erich Vüst aus Simonswolde erinnert sich an seine Kindheit am Sandwater

Ein paar Gänse schnattern durch den Schilfgürtel, stieben hinaus über die Landzunge auf das Wasser zu, wo sich hinter dichtem Gebüsch die Flügel der alten grünen Windmühle erahnen lassen. Erich Vüst (64) nimmt seinen Hund an die kurze Leine und stellt sein Fahrrad ab. Er kennt hier jeden Winkel, hat sein ganzes Leben hier verbracht.
„Da drüben am Ufer steht mein Haus. Früher reichte das Wasser noch ganz bis zur Mühle und zum Dorfplatz“, sagt er. Keine Spur von Rüschen und Birken, die heute das Bild prägen. Erich Vüst war noch ein Kind, als er mit seinem Vater Emil in den Wintermonaten mit der Jülle auf das Sandwater hinausruderte, um dort Reith zu schneiden.
„Wir haben jedes Jahr 2500 Bunde geschnitten. Und der Reith hatte eine erstklassige Qualität, um damit Dächer einzudecken“, sagt er. Die ganze Familie, Geschwister, Onkel und Vettern waren damals im Einsatz.
Die Familie über den Winter bringen
Um die Familie über den Winter zu bringen, hatte Maurer Emil eine Fläche von der Stadt Emden gepachtet, weil er so sein Stempelgeld aufbessern konnte, wenn es keine Arbeit auf dem Bau gab. Die geschnittenen Reithgarben lieferte Emil Vüst an den bekannten Reithschneider Berend Meyer ans Großen Meer.
„Vater hatte dafür Land von der Stadt Emden gepachtet“, erinnert sich Sohn Erich an die Zeit, als sie im Sandwater in heißen Sommern noch baden durften oder die rund tausend weißen Hausgänse das Gras in den Uferzonen niedrig hielten. Der Verkauf der Gänse, die in den Gänseweiden, auch „Buschen“ genannt, gehalten wurden, war eine wichtige Einnahmequelle.
„Vater hatte dafür Land von der Stadt Emden gepachtet“, erinnert sich Sohn Erich an die Zeit, als sie im Sandwater in heißen Sommern noch baden durften oder die rund tausend weißen Hausgänse das Gras in den Uferzonen niedrig hielten. Der Verkauf der Gänse, die in den Gänseweiden, auch „Buschen“ genannt, gehalten wurden, war eine wichtige Einnahmequelle.
„Es gab sogar eine Furt durchs Sandwater, über die bei Niedrigwasser die Heuwagen fuhren“, sagt Erich Vüst. Und dann gab es noch die Jagd auf Wildgänse oder die Profi-Fischer aus der Familie Tuitjer stellten bis zu 40 Aalreusen, auch Fuken genannt, auf. „Was haben die an Aal und Fisch gefangen“, ist der Simonswoldmer heute noch schwer beeindruckt. „Damals durfte man das noch alles. Aber das ist heute alles vorbei“, bedauert er die Entwicklung.
Der politische Wind dreht sich
Denn irgendwann drehte sich der Wind am Sandwater, als in den 1990er Jahren die Politik immer mehr die Umwelt ins Visier nahm, der Vertrag zwischen seinem Vater und der Stadt Emden über die gepachteten Flächen lief aus, erinnert sich Erich Vüst. Besser sei es durch den Wandel am Sandwater nicht geworden, als der Reith nicht mehr geschnitten wurde und sich Bisamratten über den Reith hermachten.
„Die Halme waren früher wie Draht so fest. Heute sind sie für Dächer nicht mehr zu gebrauchen, eher wie Stroh. Stattdessen kann man Birken schneiden, um Brennholz zu machen“, sagt Erich Vüstund widmet sich wieder seinem Hund, der bereits ungeduldig winselt. Und für die wilden Gänse, die sich im Hintergrund im Landeanflug auf der Wasseroberfläche niederlassen, hat er keinen Blick mehr, denn jetzt kann er sich endlich mit Herrchen auf den Nachhauseweg machen. Günther Gerhard Meyer
