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nordwest-zeitung

Folgen in Niedersachsen: Wenn Einsamkeit krank macht

Das Gefühl von Einsamkeit kann Menschen jeden Alters treffen. Bild: iStock/skynesher

Soziale Isolation verändert Gehirn, Psyche und Immunsystem: Forschungen der Karl-Jaspers-Klinik zeigen Risiken für Depressionen, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Alleinsein kann erholsam sein. Wird aus dem Rückzug jedoch dauerhafte Einsamkeit, reagiert das Gehirn mit Stress. Forschungen zeigen: Soziale Isolation verändert nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern kann langfristig die Gesundheit beeinträchtigen. Auch in Niedersachsen wächst deshalb die Aufmerksamkeit für das Thema.

Einsamkeit bedeutet mehr als häufig allein zu sein. Sie beschreibt die Diskrepanz zwischen den sozialen Beziehungen, die sich Menschen wünschen, und denen, die sie tatsächlich erleben. Aus biologischer Sicht ist sie nicht nur ein emotionales Tief, sondern eine messbare Stressreaktion des Gehirns auf das Fehlen sozialer Bindungen.

Der psychologische Teufelskreis

Wie tiefgreifend diese Prozesse sind, untersucht die Karl-Jaspers-Klinik in Wehnen. Studien zeigen, dass chronisch einsame Menschen soziale Situationen oft verzerrt wahrnehmen: Sie reagieren sensibler auf mögliche Ablehnung, richten ihren Fokus unbewusst stärker auf negative Signale und interpretieren neutrale Reaktionen ihrer Mitmenschen häufiger als Kritik oder Desinteresse. Dadurch entsteht ein fataler Teufelskreis: Die Angst vor erneuter Zurückweisung führt zu noch weiterem Rückzug. Betroffene isolieren sich selbst und erschweren dadurch genau jene Kontakte, die ihnen dabei helfen könnten, die Einsamkeit zu überwinden.

Dauerstress für das Immunsystem

Der permanente soziale Stress bleibt nicht ohne Folgen für den Körper. Chronische Einsamkeit hält das körpereigene Stresssystem in dauerhafter Alarmbereitschaft und erhöht nachweislich die Entzündungsaktivität im Immunsystem. Die medizinische Forschung bringt die Isolation daher längst mit schweren Folgeerkrankungen in Verbindung: Das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitive Einschränkungen im Alter (wie Demenz) steigt drastisch. Zudem belegen Studien eine verkürzte Lebenserwartung.

Normalerweise besitzt der Körper einen natürlichen Schutzschild gegen solche Belastungen: Das Hormon Oxytocin – oft als Bindungshormon bezeichnet – wird bei positiven sozialen Kontakten, guten Gesprächen oder Berührungen ausgeschüttet und kann Stressreaktionen effektiv abschwächen. Fehlen stabile Beziehungen, entfällt dieser biologische Schutzmechanismus teilweise. Die Folge sind nicht nur individuelles Leid, sondern auch gesellschaftliche Belastungen durch steigende Gesundheitskosten und vermehrte Arbeitsausfälle.

Politische Initiativen und Hilfe vor Ort

Prof. Dr. Dr. René Hurlemann ist Ärztlicher Direktor und Klinikdirektor der Karl-Jaspers-Klinik. Bild: Karl-Jaspers-Klinik
Prof. Dr. Dr. René Hurlemann ist Ärztlicher Direktor und Klinikdirektor der Karl-Jaspers-Klinik. Bild: Karl-Jaspers-Klinik

Auch auf politischer Ebene wächst weltweit das Bewusstsein für das Problem. Länder wie Großbritannien und Japan haben die Tragweite erkannt und sogar eigene Regierungsbeauftragte auf Ministeriumsebene gegen Einsamkeit eingesetzt. In Niedersachsen steht das Thema ebenfalls weit oben auf der Agenda, da neben Alleinlebenden zunehmend auch junge Erwachsene betroffen sind. Das niedersächsische Sozialministerium fördert gezielte Programme wie „Gemeinsam in der Nachbarschaft“ oder „GEMEINSAM – nicht einsam“, um die soziale Teilhabe im Alltag zu stärken. Ergänzt wird dies durch ein Netz lokaler Angebote von Seniorenbüros und Nachbarschaftshilfen bis hin zu digitalen Stammtischen. Das Ziel der Forschung an der Karl-Jaspers-Klinik bleibt es, Einsamkeit in all ihren Facetten besser zu verstehen, um wirksame Präventionsprogramme für die gesamte Gesellschaft zu entwickeln.